Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf in der COVID-19 Pandemie

Autor:innen: Nadia Steiber, Bernd Liedl, Monika Mlynek, Sonja Spitzer

Bereits zu Beginn der Pandemie wurde intensiv auf Probleme der Vereinbarkeit von Familie und Beruf hingewiesen, insbesondere im Zusammenhang mit Schulschließungen bzw. Quarantäneregelungen im Bildungsbereich, eingeschränkten Betreuungsmöglichkeiten von Klein- und Schulkindern (z.B. teilgeschlossene Kindergärten und Horte, Schutz der Großeltern und damit Entfall informeller Betreuung), aber auch Engpässen bei der Betreuung und Pflege älterer Familienmitglieder. Gleichzeitig waren viele Eltern entweder in systemerhaltenden Berufen stark gefordert oder in Kurzarbeit bzw. im Homeoffice. Die Organisation des Familienlebens und der Kinderbetreuung wurde insbesondere zu Beginn der Krise durch instabile und im Rahmen der Kurzarbeit auch oft kurzfristig geänderte Arbeitszeiten erschwert. Auch die Arbeit im Homeoffice löste das Betreuungsproblem nicht, insbesondere für Eltern von Kleinkindern und schulpflichtigen Kindern (Steiber 2021, p. 86). Eltern im Homeoffice verlagerten ihre Arbeitszeit häufig und arbeiteten in den frühen Morgenstunden, abends oder am Wochenende. Die Gesamtarbeitszeit für die bezahlte und unbezahlte Arbeit (Kinderbetreuung und Hausarbeit) erreichte in der Pandemie Höchstwerte, insbesondere bei den Eltern kleiner und schulpflichtiger Kinder (rund 15 Stunden pro Tag bei Müttern von Kindern im Alter von unter sechs Jahren, Berghammer 2021).

Vor diesem Hintergrund untersucht die AKCOVID-Studie, wie sich die Vereinbarkeit von Beruf und Familie im Verlauf der Pandemie entwickelt hat und welche Rolle die Umstellung auf Distance Learning in diesem Zusammenhang spielte. Die Daten wurden im Rahmen einer repräsentativen Panel-Befragung in zwei Wellen erhoben: drei Monate nach Beginn der Pandemie im Juni 2020 als die Pandemie relativ gut unter Kontrolle war (geringe Infektionszahlen, offene Schulen und rund 15% der unselbständig Erwerbstätigen in Kurzarbeit) und im Jänner 2021 während des dritten (harten) Lockdowns.

Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf ist in der Pandemie schwieriger geworden

Rund ein Drittel der Erwerbstätigen (32%) befand drei Monate nach Beginn der Pandemie (Juni 2020), dass die Vereinbarkeit von Beruf und Familie seit Beginn der Krise schwieriger geworden sei, wobei sich dieser Anteil bis Jänner 2021 auf rund 42% erhöhte. Während es zu Beginn der Krise mehr Frauen als Männer gab, die verstärkte Probleme mit der Vereinbarkeit hatten (rund 6%-Punkte Unterschied), holten die Männer bis Jänner 2021 auf (Annäherung der geschlechtsspezifischen Anteile).

Wer war am stärksten betroffen?

Am stärksten betroffen waren Eltern minderjähriger Kinder. In der Zeit des dritten Lockdowns gaben mehr als 50% der Alleinerziehenden aber auch 60% der Mütter in Partnerschaften an, dass es in der Pandemie (noch) schwieriger geworden ist, Familie und Beruf miteinander zu vereinbaren. Während in der ersten Phase der Pandemie (Juni 2020) vor allem Mütter von Schulkindern eine verschärfte Vereinbarkeitsproblematik wahrnahmen (rund 62% der Mütter und 37% der Väter im Schulalter, im Vergleich zu 40-45% von Eltern kleinerer Kinder), sahen sich im weiteren Verlauf der Pandemie auch zunehmend Eltern von Kleinkindern (53% der Väter und 62% der Mütter) und Väter von Schulkindern betroffen (52%).

Am wenigsten schien die Work-Life-Balance von Paaren ohne minderjährige Kinder im Haushalt gelitten zu haben – dennoch, auch ein Viertel der kinderlosen Paare hatte in der Pandemie mehr Schwierigkeiten, Familie und Beruf in Einklang zu bringen als vor der Pandemie. Bemerkenswert ist auch der hohe Anteil der Singles von etwa 40%, für welche die Vereinbarkeit von Beruf und Familie in der Pandemie schwieriger wurde. Die verstärkte Vereinbarkeitsproblematik bei den Kinderlosen könnte unter anderem auf Herausforderungen bei der Betreuung älterer oder pflegebedürftiger Angehöriger zurückzuführen sein.

Die Umstellung auf Distance Learning stellte Familien vor besondere Herausforderungen

Laut OECD waren in Österreich bis Mai 2021 Volksschulen, AHS-Unterstufen und Mittelschulen je 74 Tage und Oberstufen 105 Tage geschlossen (gezählt werden nur überregionale Schließungen an Unterrichtstagen, Schließungen an einzelnen Standorten bleiben unberücksichtigt). Hinzu kommen jeweils mehr als 80 Tage Teilschließung im Sekundarbereich und in der AHS-Oberstufe sowie 51 teilweise Schließtage im Volksschulbereich. Der diesjährige Schulbeginn könnte für einige Familien unangenehme Erinnerungen an das vergangene Jahr geweckt haben. Viele Schüler*innen waren im Herbst 2021 in Quarantäne – und damit zurück im Distance Learning. Wie schon zu Zeiten der Lockdowns müssen sich die betroffenen Eltern selbst um die Betreuung und vor allem auch um die Beschulung ihrer Kinder kümmern. Die Daten aus der AKCOVID-Befragung zeigen, dass viele Eltern von den zusätzlichen Aufgaben, die im Rahmen des Home Schooling bzw. Distance Learning entstanden sind, überfordert waren. Besonders betroffen waren dabei einkommensärmere Familien (Steiber 2021, p. 87).

Fazit

Die erwerbstätige Bevölkerung sah sich seit Pandemiebeginn zunehmend mit Problemen der Vereinbarkeit von Beruf und Familie konfrontiert, wobei sich die Situation mit Fortschreiten der Pandemie weiter verschärfte. Die vielen Schulschließungen machten den Eltern in mehrfacher Hinsicht zu schaffen: die zusätzlichen Aufgaben, die mit dem Distance Learning einhergingen, überforderten viele Eltern zeitlich und organisatorisch, aber auch finanziell. Neben verbreiteten finanziellen Sorgen der Familien standen auch vielfach die Sorgen um das Wohl der Kinder und ihren Lernfortschritt im Vordergrund (Zartler et al. 2021).

Die Betreuung der Kleinkinder war in der Pandemie vergleichsweise besser abgesichert. Es gab laut OECD bis Mai 2021 keinen einzigen allgemeinen Schließtag im Kindergartenbereich, obwohl zu Beginn der Pandemie darauf gehofft wurde, dass die Eltern die Betreuung übernehmen und die Kinder nur im ‚Notfall‘ in die institutionelle Betreuung geben würden. Dies war naturgemäß nur für eine kurze Zeit ein gangbarer Weg: berufstätige Eltern benötigen v.a. für ihre betreuungsintensiven Kleinkinder auch in Zeiten der Pandemie eine verlässliche institutionelle Betreuung. Sie haben diese auch vielfach in Anspruch genommen. Das kann erklären, warum sich die Vereinbarkeitsproblematik für Familien mit Kleinkindern im Jahr 2020 weniger dramatisch darstellte als für Eltern von Schulkindern.