Registerbasierte Erwerbsverläufe in der COVID-19 Pandemie: Wer war wann und wie lange von Kurzarbeit und Arbeitslosigkeit betroffen?

von Stefan Vogtenhuber, Nadia Steiber und Monika Mühlböck

Die COVID-19 Pandemie und die Maßnahmen, die zu ihrer Eindämmung getroffen wurden, haben weltweit zu erheblichen Verwerfungen auf den Arbeitsmärkten geführt. Anders als bei der Finanz- und Wirtschaftskrise vor rund 10 Jahren waren diesmal fast alle wirtschaftlichen Bereiche vom Beschäftigungsrückgang betroffen. Das Instrument der Kurzarbeit hat jedoch auch in dieser Krise dabei geholfen, Arbeitsplatzverluste zu minimieren. Nach jüngsten Angaben des Arbeitsministeriums waren in Österreich seit März 2020 bisher insgesamt rund 1,29 Millionen Beschäftigte in COVID-19-Kurzarbeit, wofür 9,09 Milliarden Euro verausgabt wurden.[1] Eigenen Auswertungen zufolge wurden von allen 3,6 Millionen unselbständig Beschäftigten des Februar 2020 (ohne geringfügig Beschäftigte) insgesamt rund 471 Tausend im Zeitraum zwischen Mitte März 2020 und Juni 2021 zumindest kurzfristig arbeitslos.

Mit dem Ziel, die ungewöhnlich starke Dynamik am Arbeitsmarkt in der Pandemie abzubilden, haben wir eine interaktive Web-Applikation entwickelt, die es ermöglicht, individuelle Auswertungen der Erwerbsverläufe von Beschäftigten des Februar 2020 vorzunehmen. Anhand der verfügbaren aktuellen Daten der Arbeitsmarktdatenbank (AMDB) können Statuswechsel der verschiedenen Gruppen von Erwerbstätigen nach Geschlecht, Alter, Arbeitsverhältnis, Mutterschaft und Herkunftsland am Arbeitsmarkt nachvollzogen und als hochauflösende Grafiken abgespeichert werden. So zeigt sich etwa, dass 27% der rund 3,6 Millionen Beschäftigten des Februar 2020 im April 2020 in Kurzarbeit waren und rund 5,2% arbeitslos wurden. Im Juni 2021 waren „nur“ noch 105 Tausend Personen in Kurzarbeit (2,9% der unselbständig Beschäftigten des Februar 2020) und 129 Tausend als arbeitslos registriert (3,5%). Auf Basis der Applikation können die Erwerbsverläufe spezifischer Gruppen abgebildet werden, wie beispielsweise von Müttern betreuungspflichtiger Kinder oder Lehrlingen.

Waren Frauen, insbesondere Mütter, stärker betroffen?

Insgesamt zeigen sich relativ geringe Unterschiede zwischen den Geschlechtern, wobei zu Beginn der Pandemie etwas mehr Männer als Frauen in Kurzarbeit waren, sich dies im Verlauf der Pandemie jedoch umkehrte (siehe Web-Applikation). Im April 2020 waren insgesamt 5,2% (189 Tausend) der im Februar 2020 Beschäftigten arbeitslos, wobei auch hier die Geschlechterunterschiede relativ gering waren (Frauen: 5,5%, Männer 5,0%). Nach der Erholung im Sommer 2020 lag im Februar 2021 die Arbeitslosigkeit in dieser Gruppe neuerlich bei 5,2%, zu diesem Zeitpunkt bei Frauen (5,0%) niedriger als Männern (5,4%).

Mütter von schulpflichtigen Kindern waren im Durchschnitt in sehr ähnlichem Ausmaß von den COVID-19 bedingten Arbeitsmarktrisiken betroffen wie alle Frauen. Mütter von kleinen, noch nicht schulpflichtigen Kindern waren dagegen in geringem Ausmaß in Kurzarbeit und in Arbeitslosigkeit als andere Frauen. Zu Beginn der Pandemie waren 17% von ihnen in Kurzarbeit (im Vergleich zu 25% aller Frauen bzw. 26% der Mütter von schulpflichtigen Kindern) und 3,9% wurden arbeitslos (5,5% bzw. 5,2%). Bei Müttern von kleinen Kindern ist auch ein überdurchschnittlich häufiger Wechsel in arbeitsmarktferne Positionen zu beobachten, oft verbunden mit einer weiteren Geburt.

Lehrlinge und junge Menschen beim Berufseinstieg in prekärer Lage

Lehrlinge waren besonders häufig in Kurzarbeit. Zum Höchststand im April 2020 waren mehr als 40% der Lehrlinge in Kurzarbeit. Unter den weiblichen Lehrlingen stieg ab Oktober 2020 auch die Arbeitslosigkeit merklich an, während sich bei den männlichen Lehrlingen v.a. der Anteil in arbeitsmarktfernen Positionen erhöhte, hauptsächlich aufgrund von Präsenz- bzw. Zivildienst nach Beendigung der Lehre (siehe Ergebnis der Web-Applikation).

Berechnet man nun die Gesamtinzidenz von Kurzarbeit und Arbeitslosigkeit im Verlauf der Pandemie (d.h. die kumulierte Betroffenheit im gesamten hier beobachteten Zeitraum von März 2020 bis Ende Juni 2021) unter jenen, die im Februar unselbständig beschäftigt waren, zeigt sich eine besonders hohe Betroffenheit der 15- bis 19-Jährigen (Abbildung 1). Rund 43% der jungen Männer und 46% der jungen Frauen, die im Februar 2020 beschäftig waren, waren im Verlauf der Pandemie bis Juni 2021 zumindest einmal in Kurzarbeit. Diese Anteile nehmen mit dem Alter ab.

Von Arbeitslosigkeit betroffen war im Verlauf der Pandemie insbesondere die Gruppe der 20- bis 24-Jährigen. In dieser Altersgruppe wurde mehr als ein Fünftel der Frauen und fast ein Viertel der Männer, die im Februar 2020 erwerbstätig waren, seit Beginn der Pandemie arbeitslos (Abbildung 1). Bei den 15- bis 19-jährigen Männern, die hauptsächliche in Lehrlingsausbildung waren, war die Arbeitslosigkeit im Vergleich dazu mit 14% deutlich niedriger. Bei den Frauen derselben Altersgruppe waren trotz massivem Einsatz der Kurzarbeit 19% arbeitslos. Grundsätzlich ist das Risiko, in der Pandemie entweder in Kurzarbeit gewesen zu sein oder gar den Job verloren zu haben, bei den jungen Erwerbspersonen besonders hoch. Die Pandemie hat die Arbeitsmarktrisiken beim Übergang von Bildung und Ausbildung in Beschäftigung verschärft.

Abbildung 1

Verweildauer in Kurzarbeit und Arbeitslosigkeit

Im Hinblick auf die Verweildauer in Kurzarbeit bzw. Arbeitslosigkeit zeigt sich ein umgekehrtes Bild (Abbildung 2). Ältere Erwerbstätige waren mit einer geringeren Wahrscheinlichkeit in Kurzarbeit oder wurden arbeitslos. Sofern sie betroffen waren, waren sie im Schnitt jedoch länger in diesen Arbeitsmarktlagen. Die Verweildauern waren bei Frauen im Schnitt höher als bei Männern, insbesondere unter den jungen Erwerbspersonen. So waren 15- bis 19-jährige Frauen, die in Kurzarbeit waren, im Beobachtungszeitraum von Mitte März 2020 bis Ende Juni 2021 im Schnitt 154 Tage in Kurzarbeit (i.e. rund fünf Monate). Männer waren in allen Altersgruppen etwas weniger lange in Kurzarbeit als Frauen (durchschnittlich 23 Tage weniger bei den 25- bis 29-Jährigen und bis zu 48 Tage weniger in der Gruppe der 15- bis 19-Jährigen). Im Hinblick auf die Arbeitslosigkeitsdauer ist der Geschlechterunterschied geringer, aber auch hier waren Frauen in allen Altersgruppen im Durchschnitt ein paar Tage länger arbeitslos.

Abbildung 2

Fazit und Factsheet

In der Gesamtbetrachtung der Corona-bedingten Arbeitsmarktrisiken führt der Umstand, dass Männer etwas häufiger von Kurzarbeit und Arbeitslosigkeit betroffen waren als Frauen, letztere aber länger in Kurzarbeit oder arbeitslos waren als Männer, dazu, dass es im Aggregat kaum Geschlechterunterschiede in Bezug auf die Betroffenheit von Kurzarbeit und Arbeitslosigkeit gab. Ein Factsheet von Vogtenhuber et al. (2021) zeigt auf Basis kumulativer Indikatoren, dass Frauen und Männer im ersten Jahr der COVID-19-Pandemie (März 2020 – Februar 2021) gleich stark von den negativen Auswirkungen am Arbeitsmarkt betroffen waren. So waren beide Geschlechter in der Gesamtbevölkerung im Alter von 15 bis 59 Jahren im ersten Jahr durchschnittlich ähnlich lange in Kurzarbeit und im Vergleich zum Vorkrisenniveau erhöhte sich die Arbeitslosigkeit im gleichen Ausmaß. Die Erholung am Arbeitsmarkt im Frühjahr 2021 erfolgte hingegen bei Männern etwas rascher, sie konnten etwas rascher von der Kurzarbeit in die reguläre Beschäftigung zurückkehren. Auch die Arbeitslosigkeit sank bei den Männern etwas rascher als bei den Frauen.

Das Factsheet arbeitet zwischen den verschiedenen sozialen Gruppen einige Unterschiede heraus, sowohl im Hinblick auf die Einbußen des ersten Pandemiejahres als auch auf die Erholung im Frühjahr 2021. Auch hier zeigt sich, dass die Arbeitsmarktkrise Jugendliche und junge Erwachsene, die ohnehin von einem erhöhten Arbeitslosigkeitsrisiko betroffen sind, am stärksten getroffen hat. Bei den Jungen zeigen sich Geschlechterunterschiede, denn von der Erholung im Frühjahr 2021 profitierten junge Männer mehr als junge Frauen, die etwas häufiger in Kurzarbeit sowie Arbeitslosigkeit verblieben. Wenngleich die kumulativen soziodemografischen Unterschiede insgesamt nicht substanziell sind, so deutet die Entwicklung im Frühjahr 2021 auf unterschiedliche Tendenzen in der Erholung bzw. fortgesetzten Betroffenheit hin. Es wird sich kurz- bis mittelfristig zeigen, ob sich diese Tendenzen unterschiedlicher Arbeitsmarktrisiken verstärken oder nicht.

Die Probleme junger Menschen zu Beginn des Berufslebens haben sich jedenfalls im Zuge der Pandemie verschärft. Zusätzlich zum potenziell hohen Risiko von Lernausfällen in der Kurzarbeit und des hohen Arbeitslosigkeitsrisiko ist ein gewisser Rückstau aufgrund von verzögerten bzw. erschwerten Eintritten in den Arbeitsmarkt nach Abschluss einer betrieblichen oder schulischen Ausbildung bzw. eines Studiums zu erwarten.

Die interaktive Web-Applikation ist auch unter folgendem Link zu erreichen: https://go.ihs.ac.at/COV19AT

[1] https://www.wienerzeitung.at/nachrichten/wirtschaft/oesterreich/2126809-Corona-Kurzarbeit-kostete-bisher-neun-Milliarden-Euro.html (6.11.2021).