Covid-19, Kurzarbeit und Arbeitsbedingungen

Auf Basis einer repräsentativen Befragung im Juni 2020 untersuchte die AKCOVID-Studie, wie sich die Corona-Krise mittelfristig auf die Arbeitsbedingungen ausgewirkt hat. Sie dokumentiert, welche Gruppen von Erwerbstätigen zu Kurzarbeit angemeldet wurden und beschreibt die Arbeitsbedingungen in der Kurzarbeit.

Arbeitszeitverkürzung und Homeoffice

Im Juni 2020 haben fast 30% der unselbständig Erwerbstätigen weniger Stunden gearbeitet als vor der Krise (zwei Drittel davon im Rahmen von Kurzarbeit). Rund 13% haben ihre wöchentliche Arbeitszeit erhöht. ArbeiterInnen und selbständig Tätige waren dabei häufiger von Arbeitszeitverkürzungen betroffen als Angestellte, Vertragsbedienstete oder Beamte. Etwa jede/r dritte unselbständig oder selbständig Beschäftigte arbeitete seit Beginn der Krise häufiger von zu Hause, wobei sich v.a. die Arbeit von Personen mit höheren Bildungsabschlüssen ins Homeoffice verlagerte. Etwa die Hälfte der Beschäftigten im Bereich der Finanz- und Versicherungsdienstleistungen und in der Informations- und Kommunikationsbranche arbeiteten verstärkt im Homeoffice. Diese Anteile waren im Handel, in der Warenherstellung, im Gesundheits- und Sozialwesen sowie im Bereich Transport/Verkehr/Lagerei deutlich geringer (unter 20%).

Wer kam in Kurzarbeit?

Bis dato gibt es auf Basis administrativer Daten noch wenig Informationen zu den Personen, die zu Corona-Kurzarbeit (CKA) angemeldet waren. Um mehr über die Menschen in CKA und coronabedingter Arbeitslosigkeit zu erfahren, untersuchte die AKCOVID-Studie die Erwerbsverläufe von Personen, die vor Beginn der Krise über der Geringfügigkeitsgrenze erwerbstätig waren. Rund 62% dieser Personen waren zum Zeitpunkt der Befragung im Juni 2020 weiterhin über der Geringfügigkeitsgrenze erwerbstätig. Rund 15% waren temporär in CKA aber im Juni 2020 wieder regulär beschäftigt. Rund 17% waren gerade in CKA und rund 4% coronabedingt arbeitslos. Zu den Personengruppen, die bei der CKA im Vergleich zu ihrem Anteil an der unselbständig erwerbstätigen Bevölkerung überrepräsentiert waren, zählten junge Erwerbstätige, Personen ohne österr. Staatsbürgerschaft und — da es im öffentlichen Dienst kaum zur einer Inanspruchnahme von CKA kam bzw. Beamte nicht in geförderte Kurzarbeit geschickt werden können — auch Angestellte und ArbeiterInnen. Ob jemand für CKA angemeldet wurde, bestimmte sich stärker durch die Branche als durch das Qualifikationsniveau.

 

Arbeitszeiten und Tätigkeiten in der Kurzarbeit

Rund 36% der KurzarbeiterInnen vereinbarten mit ihrem Arbeitgeber ihre Arbeitszeit auf 20% oder weniger zu reduzieren, während rund ein Viertel vereinbarte, zumindest 80% der sonst üblichen Stunden zu arbeiten. Männer vereinbarten im Schnitt 50% ihrer üblichen Stunden zu arbeiten, Frauen nur 38%. Die Mehrheit von rund 60% arbeitete in der Kurzarbeit dann tatsächlich auch weniger Stunden, fast ein Fünftel gab an, während der CKA gar nicht gearbeitet zu haben. Bei rund 17% veränderte sich die Arbeitszeit nicht.

Ein kleiner Teil der KurzarbeiterInnen führte in der CKA interessantere oder höher qualifizierte Tätigkeiten aus (10% der Männer, 4% der Frauen), andere wiederum gaben an, in der Kurzarbeit weniger interessante oder weniger qualifizierte Tätigkeiten ausgeführt zu haben (11% der Männer und 18% der Frauen). Daraus kann ein gewisses Risiko, dass CKA für manche Beschäftigte, insbesondere Frauen, zu einer temporären oder nachhaltigen Dequalifizierung der beruflichen Tätigkeit führt, abgeleitet werden.

Personen, die sich zum Zeitpunkt der Befragung in Corona-Kurzarbeit befanden, waren mit einer höheren Wahrscheinlichkeit der Meinung, dass sie an ihrem Arbeitsplatz unfair behandelt werden als vergleichbare Personen, die in regulärer Beschäftigung verblieben.

Lohneinbußen

Die Corona-Krise brachte für viele Beschäftigte Lohneinbußen mit sich. Rund 27% der unselbständig Beschäftigten gaben im Juni 2020 an, dass sich ihr Verdienst verringert hat, wobei v.a. junge Erwerbstätige und ArbeiterInnen sowie Beschäftigte im Bereich Tourismus/Gastronomie betroffen waren. Kurzarbeit ging wenig überraschend in den meisten Fällen mit Lohneinbußen einher (siehe Abbildung). Wie in einem anderen Blogbeitrag  beschrieben, lassen die Befragungsdaten bereits im Juni 2020 auf eine erhöhte Armutsgefährdung von Familien schließen.

Anerkennung

Die Corona-Krise führte zu einem stärkeren Bewusstsein darüber, dass bestimmte Berufsgruppen und Bereiche des öffentlichen und sozialen Lebens für unsere Gesellschaft unverzichtbar sind. Die meisten der als systemrelevant anerkannten Berufe sind jedoch schlecht bezahlt und wenig anerkannt. Hat die gesteigerte mediale Aufmerksamkeit für die meist weiblichen ‚HeldInnen der Krise‘ in der Tat dazu geführt, dass die Menschen in diesen Berufen nun mehr gesellschaftliche Anerkennung erfahren? Oder führte der Umstand, dass seit Beginn der Krise mehr Menschen von zu Hause aus arbeiten oder für Kurzarbeit angemeldet wurden dazu, dass diese Menschen für ihre berufliche Tätigkeit nun subjektiv weniger Wertschätzung erleben?

Die Befragungsdaten zeigen, dass rund 16% der unselbständig Erwerbstätigen seit Beginn der Krise mehr Anerkennung für ihre berufliche Tätigkeit erhalten, rund 12% weniger. Mehr Frauen als Männer nahmen ein Mehr an Anerkennung für ihre Tätigkeit wahr, insb. teilzeiterwerbstätige Frauen. Fast jede vierte teilzeiterwerbstätige Frau verspürt seit Beginn der Krise mehr gesellschaftliche Anerkennung für ihre Tätigkeit. Dies steht in einem engen Zusammenhang mit den Branchen, in denen weibliche Teilzeitkräfte vorrangig tätig sind. Die Studie zeigt, dass es vor allem zwei Branchen sind, in denen die Beschäftigten einen Zuwachs an Anerkennung verzeichnen: das Gesundheits- und Sozialwesen und der Handel. Umgekehrt hat ein vergleichsweise hoher Anteil der Beschäftigten im Bereich Tourismus/Beherbergung/Gastronomie das Gefühl, seit Beginn der Krise weniger gesellschaftliche Anerkennung zu erfahren. Der Bereich Erziehung und Unterricht ist sehr heterogen: Vergleichsweise viele in diesem Bereich Tätige verspüren seit Beginn der Krise ein Mehr an gesellschaftlicher Anerkennung für ihre berufliche Tätigkeit, vergleichsweise viele aber auch ein Weniger. Insbesondere die Kurzarbeit ging oft mit einem subjektiven Verlust an Anerkennung einher (siehe Abbildung).

Arbeitsdruck, Autonomie und Überwachung

Die Implikationen von Wirtschaftskrisen für die Qualität der Arbeit sind empirisch noch wenig erforscht und in der Arbeitssoziologie theoretisch ambivalent. Zum einen könnte man erwarten, dass in Krisenzeiten mehr Druck auf die ArbeitnehmerInnen ausgeübt wird und damit der Arbeitsdruck und das Ausmaß der Überwachung steigen, während die Arbeitsautonomie eingeschränkt wird. Auf der anderen Seite wurde argumentiert, dass in Wirtschaftskrisen eher die ’schlechteren Jobs‘ in den weniger wettbewerbsfähigen Teilen der Wirtschaft verloren gehen, mit dem Resultat, dass die durchschnittliche Qualität der Jobs in Folge von Wirtschaftskrisen auch steigen könnte. Wirtschaftskrisen haben jedenfalls das Potential bestehende soziale Ungleichheiten am Arbeitsmarkt noch weiter zu verschärfen. Dies könnte dazu führen, dass sich zwar die durchschnittliche Arbeitsqualität kaum verändert, es aber zu einer ungleichen Entwicklung hin zu mehr Arbeitsdruck und Überwachung in geringer qualifizierten Jobs kommt, während gleichzeitig im höher qualifizierten Bereich die Arbeitsqualität weiter steigt.

Eine Studie auf Basis des European Social Survey dokumentierte für die meisten Europäischen Länder ein Ansteigen des durchschnittlichen Arbeitsdrucks in Folge der letzten Wirtschaftskrise. Die Ergebnisse der AKCOVID-Studie zeigen, dass sich seit Beginn der Corona-Krise für rund 20% der Beschäftigten der Zeit- und Erfolgsdruck erhöhte. Für rund 11% sank der Arbeitsdruck (Abbildung oben). Unter den KurzarbeiterInnen ist eine Polarisierung zu beobachten: Für rund ein Drittel sank mit der Anmeldung zur Kurzarbeit auch der Arbeitsdruck, während rund ein Viertel in der Kurzarbeit stärker unter Druck kamen. In Bezug auf die Arbeitsautonomie hat sich im Durchschnitt wenig verändert: Für 80% bis 90% der regulär Beschäftigten änderte sich das Ausmaß, zu dem sie ihre Arbeit selbst planen und einteilen konnten, durch die Corona-Krise nicht. Unter den KurzarbeiterInnen kam es jedoch auch in dieser Hinsicht zu einer Polarisierung: Für 20% verringerte sich die Arbeitsautonomie in der Kurzarbeit, während rund 15% einen Zuwachs an Autonomie verzeichneten. Ein ähnliches Bild ergibt sich im Hinblick auf die Überwachung der Arbeit: Für die regulär Beschäftigten änderte sich wenig, während sich für rund 14% der weiblichen und rund 17% der männlichen KurzarbeiterInnen das Ausmaß der Überwachung verringerte und sich rund 15% der männlichen und rund 19% der weiblichen KurzarbeiterInnen stärker überwacht fühlten als vorher.

Fazit und Ausblick

Die Corona-Krise erhöht den Druck auf den Arbeitsmarkt und damit auch auf die ArbeitnehmerInnen. Die Studie zeigt, dass mehr als ein Viertel der Erwerbstätigen v.a. im Zusammenhang mit der Kurzarbeit Lohneinbußen hinnehmen mussten. Das höchste Risiko für Kurzarbeit hatten dabei junge ArbeiterInnen und Angestellte in den Bereichen Tourismus, Gastronomie und Handel. Zwar waren Ende September 2020 – im Vergleich zum Höchststand von mehr als 1.3 Mio im Mai 2020 – nur mehr rund 300 Tausend Personen für Kurzarbeit angemeldet, es bleibt jedoch abzuwarten, welche Folgen der zweite Lockdown im November 2020 für den Arbeitsmarkt haben wird und wie viele Personen neuerlich in Kurzarbeit geschickt oder schlussendlich ihren Job verlieren werden. Das höchste Risiko für coronabedingte Arbeitslosigkeit hatten bis zum Frühsommer 2020 Personen mit Migrationshintergrund im Bereich Tourismus. Das dynamische Infektionsgeschehen und damit einhergehende Reisebeschränkungen im Winter lassen für diesen Bereich kaum optimistische Prognosen zu. Die Folgebefragung im Rahmen der AKCOVID-Studie im Jänner 2021, im Rahmen derer wieder die gleichen Personen befragt werden, wird zeigen, wie sich die Lage am Arbeitsmarkt für unterschiedliche soziale Gruppen weiterentwickelt.

Bezüglich der Entwicklung der Arbeitsqualität zeichnet die Studie ein differenziertes Bild. Es zeigt sich, dass es v.a. im Bereich der Kurzarbeit zu einer Polarisierung gekommen ist: Viele KurzarbeiterInnen verzeichneten nicht nur Lohneinbußen sondern waren auch einem erhöhten Arbeitsdruck sowie einer verstärkten Überwachung ihrer Arbeit ausgesetzt. Zudem verspürten sie weniger gesellschaftliche Anerkennung für ihre Tätigkeit und führten in der Kurzarbeit teils weniger interessante oder weniger qualifizierte Tätigkeiten aus. Andere Teile der KurzarbeiterInnenschaft wiederum machten ganz andere Erfahrungen und verspürten in der Kurzarbeit weniger Zeit- und Erfolgsdruck und mehr Arbeitsautonomie.